11. September 2003

Ruhetempel der Schönheit

Ich kam etwas zu früh und sass nun im Sessel, wartend auf einer der beiden Damen. Ich blicke in den Spiegel, in dem sich alle Spiegel widerspiegeln, sehe so alle Arbeitsplätze gleichzeitig und hinter mir auf die Prozedur, die urkomisch auf mich wirkt. Da wird ein Frauenkopf in durchsichtige Plastikfolie gepackt, selbst das Gesicht scheint bedeckt zu sein. Die Friseuse sticht nun Löcher in die Folie und zupft einzelne Haarpartien hervor, die nun senkrecht hoch stehen. Fast wie ein futuristischer Punkiekopf sieht dies aus und ich überlege, was dies hingibt. Später erfahre ich, das diese Strähnchen neu eingefärbt werden. Aber der Anblick dieses Kopfes erheitert mich ebenso, wie der Junge neben mir. Wie ein Erwachsener sitzt er da und lässt sich den Spiegel hinter den Kopf halten. Er nickt und ist zufrieden. Jedes mal beim Frisör mache ich solche Beobachtungen im Spiegelkabinett und lausche den Gesprächen. Was da alles bewegt wird, Getratsch, Sorgen, neuste Moden, Gesundheitstipps, über eine Busreise wird berichtet und vieles mehr. So unbekümmert plaudern da die Menschen, wie selten wo. Hier bin ich Voyeur und lausche, was den Menschen auf der Seele liegt, was sie hier loswerden wollen. Nur hier scheinen sie offen darüber sprechen zu können. Die Friseusen hören geduldig zu, fragen nach und geben dazwischen eigenes zum Besten. Da fast alle schon Stammkunden sind, weiss diese genau, welches Thema interessant ist.

Der Frisiersalon als Nachrichtenbörse, mit den Haaren fallen alte Seelenthemen und Neues wird aufgenommen, dazwischen gelacht und intimes leise geflüstert.

Früher wusste ich diese Eigenart der Frisöre zu nutzen, als ich als Werbeleiter eines Theaters gerne die Frisöre mit Plakaten und Werbematerial versorgte. Wenn ich Freikarten übrig hatte, gab ich diese einigen Frisören, denn dann wurde in den nächsten Tagen dort über die Aufführung gesprochen. Auf den Tischchen die Prospekte und Flugblätter, die hier gerne gelesen wurden, denn hier hatten die Menschen Zeit dafür. Damals nutze und steuerte ich diese Besonderheit dieser Ruhetempel der Schönheit. Denn jeder trat verwandelt aus der Tür, verändert in der Ausstrahlung, mit neuem Selbstbewusstsein, gelüfteten Hirn und neuen Informationen.

Dies kommt mir alles in den Sinn, während ich da sitze und in den Spiegel blicke. Sehe das Tattoo auf der Brust der Chefin, die immer mit viel Elan auch diesen ansprechenden Seiten Geltung verschafft. Sehe die rotbunte Frisur des Lehrlings, der aufmerksam alle Handreichungen macht, die gefallene Haarpracht wegkehrt und schon mal die Haare wäscht. Leidenschaftliche Massage der Kopfhaut, was sie dabei wohl denken mag? Der Kundin tut es sichtlich gut, wird wohl durch alle Nerven und Meridiane wandern, mit Ekstase im linken Knie. Es vibriert mit, ich kann es deutlich sehen. Wo es wohl noch durchzieht. Meine Phantasie lebt mit.

Wenn ich dann schliesslich dran komme, ist all dieses Erleben vorbei, dann geht es in den Dialog mit meiner Friseuse und immer finden wir ein interessantes Thema, das die Zeit vertreibt.

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