9. August 2003

Zauber der Lichtes

Der Sommer 2003 auf dem höchsten Punkt seiner Hitze, der See brühwarm aufgeladen. Gottfried treibt auf dem Rücken dahin, die untergehende Sonne betrachtend. Eine roter Feuerball am Horizont des Westens sich neigt, eintaucht in die Landschaft. Eine Scheibe schiebt sich hinter die Berge. Die roten Strahlen tanzen über das Wasser zu Gottfried hin. Traumhaft schöner Anblick. Mit nur leichten Fussbewegungen treibt er auf dem Rücken und starrt gebannt auf das Naturschauspiel. ”Was kann es noch schöneres geben”, denkt Gottfried. ”Alles habe ich gelebt, habe die Welt bereist, habe Haus, Auto, habe geliebt. Aber alles ist halb und vergänglich. Das hier, ja das hier, das ist ganz, ist rund, ist tief, ist ...” Sprachlos blickt er auf der anderen Seite zum blassen Mond, der nun seinen Platz am Himmel eingenommen hat.

Eine Frau mit Fotoapparat, ebenso fasziniert, war versucht das Bild einzufangen. Gottfried fing es mit allen Sinnen ein, empfing den Zauber des Lichtes durch alle Poren, trieb auf dem Wasser und atmete alles ein. So wollte er treiben, unendlich. War es eine Erinnerung an den Frieden im Fruchtwasser, an die Geborgenheit am Anfang seiner Zeit?

Jäh würde ihm bewusst, dass er heim mußte. Da warte sein Hund auf ihn und er wollte seine Wohnung lüften. Frische Nachtluft einströmen lassen, in die überhitzen Räume. Er kleidete sich an. Neben ihm ein alter Mann mit grosser Narbe auf der Brust. Er sei zum ersten mal dieses Jahr wieder im Wasser gewesen, eine Herzoperation habe dies verhindert, erklärte dieser Gottfried. Auch er hatte die untergehende Sonne genossen. Wieder einmal, noch einmal und es war für ihn eine Gnade, da er es erneut erleben durfte. Die beiden Männer kommen in ein tiefes Gespräch und Gottfried versteht. Jeder hatte sein Empfinden an diesem Abend, jeder seine Gedanken und jeder sein Glück. Diese rote Sonne verband alle, die hier den abendlichen See genossen. Alle Nationen, denn hier badeten auch viele Russen und andere Osteuropäer, die nun hier lebten. Alle empfanden diesen Sonnenuntergang gleich und doch jeder eine Nuance anders. Jeder gemäss seiner Biographie.

Welch ein Zauber des Lichtes? Gottfried fuhr heim und lüftete sein Heim, versorgte den Hund. Dieser konnte die rote Kugel nicht gesehen haben. Anderes war in dessen Sinn. Gottfried setzte sich nieder und plötzlich spürte er das Licht in sich. Spontan schrieb er das Erlebte nieder. Andere sollten teilhaben an diesem Zauber, sollten angeregt werden auch einzutauchen, in die Kraft der roten Sonne, dem Licht am Himmel. Er wollte Zauberer sein, wollte das Licht des Friedens weitergeben, was er heute so elementar tief empfunden hatte.


Er postete es in einem Internetforum, aber die Antworten waren sehr ernüchternd. Kaum einer reagierte so euphorisch wie er. Da wurde sein Satzbau, die Wortwahl, andere Kleinigkeiten bemängelt. In dieser Resonanz verblasste sein inneres Bild und schnell schaltete er den Kasten ab. Heute blieb er ganz bei sich, in seinem Zauber des Lichtes.

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