24. September 2003

Der befreiende Sündenfall

”Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, mußt du des Todes sterben.

Sag Oberpriester, entspricht dies wirklich der Wahrheit? Denn bei Allah klingt es ähnlich und doch anders” fragte der Wandermönch Antonius den obersten Priester seines Landes. Der alte Herr nickte: ”Der einzige Unterschied ist, daß Allah verbot vom Baum in der Mitte zu essen. Wobei dies auch in der Bibel zu finden ist” und er las aus dem Buch Moses vor:

”Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, daß ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.”

Antonius wiegte mit dem Kopf und fragte provozierend: ”Sag, hat die Schlange nicht ebenso recht ? Warum nicht vom Baum in der Mitte essen, wäre dies nicht die Erleuchtung und die Auflösung der Polaritäten. Warum nicht wie Gott sein, mittig im Leben sein und erkennen was gut und böse ist?”

Der Oberpriester erschrak dieser Worte und harschte Antonius an, er möge sich mäßigen. Dies seien die Worte eines Ketzers und dies würde ihm nicht zustehen. Die Kirche könne solche Gedanken nicht dulden, da der Mensch nicht Gott sein könne, nur der heilige Vater als Vertreter des Herrn.

Antonius ließ sich nicht einschüchtern und hakte nach: ”Wieso will der Papst und darf keiner Anderer vom Baum der Mitte essen. Trägt nicht jeder Gott in sich? Wie kann ein Einziger behaupten, er sei der Vertreter Gottes? Dies sei doch nur der Machtmissbrauch einer Kirchengemeinschaft, die ihre Gläubigen erniedrigt.”

Der Oberpriester erbleicht nach diesen Worten und ringend platzte es nun heraus: ”Duuu unwürdiger Mönch, herab mit deiner Kutte, als Ketzer wirst du enden!” Antonius lächelte ihn an und der Oberpriester war unfähig sich zu rühren, konnte nicht die Wachen seines Tempels rufen. Die Zunge klebte ihm im Mund, als Antonius nachhakte: ”Wer bist du anders als Gott, der Teufel und die Schlange in einer Person. Bist alles, ohne es je erkannt zu haben, da du nicht vom Baum der Mitte gegessen, immer nur von den Beeren und Fallobst darum herum nascht. Die klare Frucht der Mitte nicht genossen, weder gerochen noch gesehen hast. Dein Kopf ist voller Wissen, dessen was Andere dir sagen, dein Herz gespalten zwischen gut und böse, dein Leib krank von all dieser Zerrissenheit. Oberpriester bist du geworden, ein Vertreter der Halbheit, die bestimmt wo Gott ist, ohne ihn je gespürt oder gesehen zu haben. Merkst du nicht, daß dein ganzes Leben umsonst war?”

Der Oberpriester bebte und als er seine Fassung wieder fand, riß er die Türe seines Tempels auf und rief seine Wachen zur Hilfe. Aber als diese den innersten Bereich des Tempels erreichten, war der Wandermönch verschwunden. Alles Suchen blieb vergebens und der Oberpriester bekreuzigte sich, da er bei Antonius nun an den Teufel dachte.

Als die Wachen den Raum verlassen hatten und der Oberpriester murmelnd vor seinem Altar kniete, saß plötzlich wieder Antonius vor ihm, diesmal im Gewand eines Königs. Er erschrak, daß ihm sein Herz schmerzte und er rang nach Luft. Da berührte ihn Antonius an der Schulter und dessen Herzschmerz verflüchtigte sich schnell. ”Oberpriester, hast du den Schmerz gespürt, hast du erlebt, wie tief der Schmerz in dir ist. Aber nun, wo ich dich berührte, spürst du nun das Leichte in deiner Mitte, so als wärst du nah an Gott. Hast mich gespürt, gesehen und doch nicht erkannt. Denn dein Bild von Gott ist durch religiöse Traditionen begrenzt.

Du siehst in mir den Teufel, der dich versuchte. Vielleicht bin ich der auch, da deine begrenzte Sicht nicht sieht was in der Mitte ist, nicht erkennt die zwei Seiten des Ganzen. Solange du trennst und eine Seite verteufelst, wirst du mich nie erkennen.” Kaum hatte Antonius dies gesprochen, löste sich sein Königsgewand und vor dem Oberpriester saß ein Bettler. Kurz darauf sah er nur noch eine glitzernde Schlange, die davon schlängelte und sich im Raum auflöste.

Alle wunderte sich, daß der Oberpriester nach wenigen Wochen seinen Tempel verließ und sich auf eine Pilgerreise begab, von der er nie zurückkehrte. Es wurde erzählt, man habe einen Mann gesehen, der ihm sehr ähnlich sah, dieser lebte als Knecht bei einem alten alleinstehenden Bauern nah eines Wallfahrtsortes. Dort segnete er das Vieh und die Felder. Der Pfarrer des nahen Ortes hatte ihm schon gedroht und den Mißbrauch des Priesteramtes angezeigt. Aber als eine Abordnung kam, ihn der Ketzerei zu überführen, war der Knecht nicht mehr gesehen. Der Bauer, der sich Antonius nannte, bewirtete fröhlich die hohe Kommission. Da dieser die priesterlichen Herren ähnlich provozierte wie einst den Oberpriester, griffen sie sich diesen und setzten Antonius gefesselt auf ein Pferd. Kurz vor dem Kerker der Amtskirche fielen die Stricke zu Boden und Antonius hatte sich in Luft aufgelöst. Den Schrecken in den Gliedern stoben die Reiter davon und von da an, wurde der Hof des Bauern von allen gemieden. Nur wenige fanden den Weg dort hin, geführt von Antonius, wenn dieser von seinen weiten Reisen zurückkehrte an den mittigen Platz, wo Obstbäume ganzjährig blühten und Früchte abwarf das ganze Jahr. Paradiesisch war dieser Platz inmitten heiligen Landes, wo die Knechte freudig ernteten, was deren Herr beständig neu säte.

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