19. März 2002

Die Kohlmeise

Heute nacht  flog eine verwirrte Kohlmeise gegen mein Bürofenster und ich fing sie mit meinen Händen ein. Zunächst zwickte sie mich in den Finger, dann aber lies sie es mit pochendem Herzen zu und wartete bis ich sie in einen nahen schützenden Forsithienstrauch setzte.

Von was war dieser Vogel verwirrt, vom herannahenden Sturm oder vom plötzlichen Licht in meinen Fenstern (ich war gerade 14 Tage verreist).

Nachdenklich setze ich mich in meine "unterkühlte" Wohnung und hüllte mich in eine Decke ein. Schalte im Fernseher das Dritte Programm ein und höre eine vertraute Stimme. Ein Interview mit der Schriftstellerin Luise Rinser von 1996. Da wird mir plötzlich klar, daß das was ich in letzter Zeit ahnte eingetreten war; sie ist nun aus dieser Welt gegangen.

Ich kannte sie, bin ihr öfters begegnet, in den letzten Jahren gab es noch einen kurzen Briefwechsel. Aber sie ist Teil meines Lebens, meiner Biographie. Ein inneres Band verband mich mit ihr. Und ich spürte seit einer Weile ihr gehen, ihr Sterben, ihre Ablösung von dieser Welt.

Was hat die Kohlmeise mit Luise Rinser zu tun? Ich weis es selbst nicht. Vielleicht nichts, oder vielleicht auch ganz viel. Es geschah an einem Abend, hintereinander und in mir ist ein Faden der beides verbindet, auch wenn ich der beiden Enden nicht sehe.

Immer wieder habe ich solche Erlebnisse und erkenne darin die Symbolik von LEBEN und STERBEN.

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