Februar 2001

Wasserball

An schönen Sommertagen fahre ich abends immer an den nahen Bodensee und schwimme in dem angenehm warmen Wasser. Auf dem Rücken weit hinaus und per Brustschwimmen wieder retour. Wunderbar sich vom Wasser tragen zu lassen, zu gleiten durch die Weite des Sees, vorbei an Booten und anderen Schwimmern, die es ebenso genießen wie ich. Es ist fast ein Ritual mit großem Glücksgefühl, das für mich mit Sommer verbunden ist.

An einem Abend setz ich mich gerade auf eine Uferbank um mich zu Entkleiden, als ein Wasserball auf dem Wasser heranschwimmt. Ein Kind  hat ihn im nahen Strandbad wohl ins Wasser geworfen und ihn nicht mehr erreicht. Nun treibt er herrenlos leicht an der Wasseroberfläche. Obwohl kaum ein Wind spürbar ist. die Blätter der Bäume kaum Bewegung zeigen, treibt der luftige Ball erstaunlich schnell dahin. In mir ist ein Ehrgeiz entstanden. Ich will ihn mir holen. Ganz schnell entkleide ich mich und schwimm den Ball nach. Und ich schwimme und schwimme und komm kaum näher. Ich werde immer schneller, immer hektischer, mein Atem unregelmäßig und schwer. Ganz langsam wird der Abstand geringer. Schon überquere ich die Einfahrt des Yachthafen und immer noch ist er nicht erreichbar. Erst weit dahinter holte ich ihn ein. Was nun ? Ich kann ihn kaum greifen. So werfe ich ihn vor mir her und schwimme so Etappe um Etappe retour. Selbst hier will er mir noch entrinnen. Hab ich ihn seiner Freiheit beraubt? Ich lass meine Beute nicht aus und bugsiere ihn Stück für Stück ans Ufer. Schließlich erreicht frage ich mich ernstlich, was ich nun mit diesem Ball tun soll? Die Luft rauslassen und ihn mitnehmen? Meinem Hund Oskar zum Spielen geben, der ihn sicher schnell zerbeissen würde.

Da sehe ich zwei Mädchen auf einer Decke sitzen und ganz spontan biete ich den beiden den Ball an. Zuerst sind diese unsicher, ein Geschenk von einem fremden Mann anzunehmen. Als ich von Strandgut spreche nehmen sie ihn mit einem freundlichen Danke. Während ich auf der Bank sitze und mich von der Sonne trocknen lasse, spielen hinter mir in der Wiese zwei lustige Grazien mit dem Ball. Leicht federn diese in durch die Luft und nicht nur die beiden Kinder haben ihre Freude. Mein Auge lebt mit und ein stilles Lachen erfüllt mich.

Nocheinmal schwimme ich den See hinaus, nun entspannt mit ruhigen gleichmäßigen Bewegungen. Danach ziehe ich mich an und mache mich auch auf den Heimweg. Auf einem Seitenweg die beiden Mädchen. Die Ältere ihr Fahrrad schiebend, die Kleinere stolz den Wasserball nachhause tragend. Vom Parkplatz ausfahrend sind beide prompt nochmals vor mir, mich längst nicht mehr beachtend. Nur ich blicke nach, sehe lustige Augen zweier unbeschwerter Kinder.

Auf der Heimfahrt durchziehen mich eigene Erinnerungen meiner Kindheit, meiner Jugend, in der ich mich viel an offenen Wassern bewegte und dort meine Freiheit fand. Für was dieser dahintreibende Ball doch gut war, was er in kurzer Zeit alles in mir und um mich bewegt hatte. Einfach nur ein Ball tanzend an der Wasseroberfläche, einfach dahintreibend. Einfach so.

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