19.. Januar 2005

Der weisse Indianer

Vor zwei Jahren sagte ich zu Moga einer Komödiantenfrau (Frau eines Familiencircus), weisst Du, ich bin unter euch wie ein “weisser Indianer”. Ich habe mit euch wiederinkarnierten Indianern gelebt, kenne eure Sprache und Rituale, bin tief in eure Welt eingedrungen. Und doch gehöre ich nicht wirklich dazu, bin Weisser geblieben. Moga, die ich schon 35 Jahre kenne, fand diesen Vergleich zutreffend. Ja wir Komödianten sind ein Urvolk wie einst die Indianer, die sich nur mühsam gegen die Weissen behaupten können.

Ich kam als Vierzehnjähriger zur Familie von Moga’s Mann. Mit Harry, Stefan, Sylvia, Heinerle, Dickerle, Christa, Bamba wuchs ich auf, wurde von deren Eltern wie ein Sohn aufgenommen und war immer willkommen. Später lebte ich eine Weile bei Christa und ihrem Mann Otto im Wohnwagen. Neben mir ein schreiendes Baby in der Wiege, der heute selber schon einen eigenen Circus hat. Damals raubte er mir den Schlaf. So lebte ich mit und unter Komödianten, lernte so wie diese zu denken und zu handeln, verstand zu “schoren”, “mangen” und vieles mehr.  War bei Familienfesten dabei, wenn jeder seine Trompete holte und dann fünfzehn Bläser ohne Noten zusammenspielen, wie ein perfektes Orchester.

Wenn ich heute in den Wohnwägen mit den Alten sitze, dann reden wir von früher, denn wir kennen die gleichen Menschen und sprechen die gleiche Sprache. Da braucht sich und kann sich kein Komödiant vor mir verstellen, denn mir entgeht nichts, da ich jeden Unterton und Blick genau verstehe, was einem Privaten, einem “Bauern”, einem “Gadscho” voll entgeht. Der erlebt die Alltagsseite der Reisenden, aber dringt nur ganz selten in diesen “tiefen Strom” dahinter, der alle trägt und verbindet.

Sie sind alle nicht nur untereinander verwandt, sondern tragen das gleiche Blut in sich, ein Karma gemeinsamer Art, das tief verbindet und durch schwere Zeiten trägt. Dieses tiefe Gemeinschaftsgefühl grenzt trotz vieler menschlicher Streitigkeiten niemanden aus. Kinder haben alle Freiheiten und Behinderte werden niemals in Heime gegeben. Sie bleiben wie die Alten immer bei der Familie dabei. Bei Druck von aussen stehen sie wie eine Front zusammen und da sind alle Fehden vergessen, denn die Gemeinschaft, der “Stamm” hat zu überleben.

Was mag ich an den Komödianten? Genau dieses Familiensystem, das in unserer Gesellschaft meist nicht mehr funktioniert. Es ist archaisch und erscheint für mache hierarchisch veraltet. Den der “Patron” hat das Sagen und die Söhne und Töchter respektieren die Alten voll. Wie sagte kürzlich ein alter Freund unter den Komödianten zu mir. “Es hat keinem von uns geschadet, dass unser Vater so streng war. Keiner von uns wurde ein Verbrecher und jeder hat seinen Circus, seine Kinder und Enkel.” Mein Freund ist stolz auf seine 30 Enkel, die alle Teil seiner Sippe, seines Denkens und Fühlens sind.

Da sind wir wieder beim “Indianerstamm”, der grossen Sippe, die zusammen zu leben versteht und gemeinsam ums Überleben kämpft.  Ich als Einzelgänger bin darin der “Anthropologe”, der deren Leben und Kultur studierte und der ein Fachbuch darüber schreiben könnte. Doch weiss ich, dass es Aussenstehende trotzdem nicht in der ganzen Tiefe nachempfinden könnten und das ist auch gut so. Denn genau das ist auch der Schutz, den diese Minderheit braucht um zu überleben. Daher werde ich kein Buch darüber schreiben und nicht alle Feinheiten verraten. Dazu achte ich diese Menschen viel zu sehr, als dass ich deren Seele allen offen legen würde.

 

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