Juli 2006

Mutters‘s Ablösung

Meine Mutter erzählte mir mit achtundachtzig Jahren, etwa ein halbes Jahr vor ihrem Ableben eine tiefsinnige lustige Geschichte, die ich hier festhalten will.

Morgens fühlte sie sich nicht so besonders, dagegen abends meist besser. Irgendwann dazwischen versuchte sie etwas im Haus zu reinigen und spülte einen Putzeimer mit einer Seifenlauge aus und schüttete den Inhalt über die Klosettschüssel in die Kanalisation hinunter. Kurz danach bemerkte sie, dass zwei ihrer Ringe fehlten. Sie hatten sich vom Finger gelöst und waren mit dem Abwasser auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Dies waren keine gewöhnlichen Schmuckstücke, sondern die Eheringe zweier Ehen, aus denen jeweils ein Sohn übrig geblieben war.  Diese noch bindenden Elemente zu dem gelebten Leben zu meines Bruders Vater und zu dem meines Vaters waren abgelöst für immer.

Während andere Menschen über so einen Verlust traurig wären, empfand meine Mutter Erleichterung und ein fröhliches Gefühl der Erlösung.

Auch ich konnte herzlich darüber lachen, da ich diese schicksalshafte Ablösung alter ausgelebter Bindungen sehr positiv und die Art und Weise lustig finde. Denn dies bedeutet keine Trennung von uns, sondern ein Neuanfang auf einer ganz anderen Ebene.

Im Sterben meiner Mutter sass ich neben ihr und sah meditativ den Übergang von dieser Welt in die Andere. Es war eine Gnade dies miterleben zu dürfen und auch diese kleine Geschichte hier, zeigte mir viel auf über materielle Bindungen und die Ablösung davon, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

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