12. Februar 2006

Ein kleines Geschenk

Vor über 20 Jahren machte ich mit meiner damaligen Frau, deren Mutter und deren Schwester eine Busreise in deren alte Heimat Oberschlesien. Kam so nach Opole (Oppeln), Wrozlaw (Breslau) und andere Orte. Es war eine Reise in die Vergangenheit der Alten, die bang und doch neugierig die Spuren ihrer Kindheit und Jugendzeit suchten. Wo einst eine grosse Gärtnerei war, fanden sie nur noch leere Flächen. Aber in einem Dorf lebte Martha, eine Polin, die als deutsche Kriegerwitwe anerkannt über die ganzen Jahre in Verbindung geblieben war und auch mehrfach auf Kur nach Deutschland ausreisen durfte. Das war das Glück für sie, dass der deutsche Staat etwas gutes tat für die Witwen deutscher Soldaten.

Als wir mit Martha das Haus von früher betraten, sahen meine Schwiegermutter und deren Schwester noch die gemalten Tapeten an den Wänden, so wie es früher war. Nichts hatte sich verändert. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein und die Armut war überall sichtbar. Aber die Menschen waren freundlich und die Gastfreundschaft enorm. Die Dankbarkeit über die vielen Pakete aus dem Westen voll Süssigkeiten und Südfrüchten, wollte mit Gegengaben beantwortet werden. Für uns wenig attraktive Geschenke und doch nahmen wir es, um unsere Gastgeber nicht zu verletzen, denn sie hatten nicht mehr.

In einer Dorfkirche kamen wir gerade zu einer Taufe. Eine junge polnische Familie hielt ihr Kind über den Taufstein. Es war ein innerer Impuls, ich konnte nicht anders und fotografierte diesen Moment. Die Augen der jungen Eltern leuchteten auf und über Martha erfuhr ich, dass das junge Paar sich keinen Fotografen leisten konnten und baten um das Bild. So fotografierte ich noch einmal die junge Familie und versprach das Foto an Martha zu schicken, damit diese es der jungen Familie geben könnte. Selten habe ich so leuchtende Augen gesehen, die ich nie vergessen werde.

Zurück in Deutschland machte ich die Abzüge und wir kauften einen einfachen Lederrahmen und steckten dort zwei Bilder hinein und schickten diesen dann an Martha. Später kam ein Brief von dieser mit dem großen Dank dieser jungen polnischen Familie, die sich riesig darüber gefreut hat.

Dieser Tage sah ich im Fernsehen einen Bericht über Schlesien, sah darin Bilder von Orten wo wir damals waren. Da kamen auch wieder diese leuchtenden Augen zu mir und ich sehe vor meinem inneren Auge eine Wohnung mit einem Fotorahmen auf einem Wohnzimmerschrank.

retour