21. April 2006

Die Grabrede

In der Kapelle des idyllischen Waldfriedhofs von Landsberg am Lech ist der Sarg mit Big Fred aufgebahrt. Von Kerzen und Lorbeer eingerahmt, mit Kränzen und Gestecken darauf und davor.

Vorne links in der ersten Reihe sitzen die Witwe mit Tochter und Freund. Dahinter der grösste Teil der Trauergemeinde. Die erste Reihe rechts blieb frei. In der Zweiten sass der Bruder und daneben dessen Vetter Ernst. Dahinter andere anteilnehmende Trauergäste.

Da Big Fred schon vor längerer Zeit die Kirche verlassen hat, spricht ein freier Priester die Trauerrede und Gebete für den Verstorbenen. Er macht es sehr gut und bringt ein was die Witwe ihm als Vorlage gegeben hat. Da wird die naturverbundene Spiritualität abseits traditioneller Religionen ebenso erwähnt, wie sein Abenteuerdrang, der nach Schweden und Kanada führte, aber auch sein Abstecher zu den Goldwäschern in Alaska und sein Spruch: “Ich habe auch schon auf Gold gepinkelt!” Der Bruder lacht dabei leise auf, denn dieser sieht vor seinem geistigen Auge Big Fred strahlend auf dem Sarg sitzen, so originell wie er zeitlebens war.

Eine wirklich gute Rede und trotzdem fehlte darin einiges und besonders die Mutter, ohne die sein Leben nicht möglich gewesen wäre. Denn nur aus deren Mut und Courage wurde er nicht abgetrieben, so wie es sein Vater und dessen Brüder einst wollten. Diese Mutter nahm viel auf sich um ihren Sohn gross zu ziehen und ihm die Grundlagen zu liefern, auf denen er dann seine eigene Familie gründen konnte.

Zudem fehlte der jüngere Bruder in der Rede, auch wenn dieser nur ein Halber von Big Fred war. Die Mutter verband beide und so unterschiedlich die Vaterprägungen waren, so viele Gemeinsamkeiten verband doch beide.

Der Bruder sass als Zweitgeborener in der zweiten Reihe und hatte das Gefühl er gehöre nicht dazu, wurde bewusst ausgegrenzt, war nicht wirklich willkommen.

Aber er kannte fast alle Trauergäste und freute sich diese wieder zu sehen und diese begrüßten ihn erfreut.

Seine Nichte, mit der er acht Jahre keinen Kontakt mehr hatte war nett zu ihm, die Witwe förmlich distanziert.

Seit drei Jahren hatten sich die Brüder nicht mehr gesprochen. Big Fred hatte dicht gemacht und sein Bruder erreichte ihn nicht mehr. Der Grund war banal, eine einfache Missachtung einer Einladung. Alles das führte nun zur Ausgrenzung des Bruders und der gemeinsamen Mutter, welche vor acht Jahren verstorben ist und in deren Grab nun auch die Asche von Big Fred gebettet wird.

Das alles ging dem Bruder während und nach der Grabrede durch den Kopf. Er sah noch mal die vielen Bilder eines gemeinsamen Lebens in Freud und Schmerz. Er lachte über die herrlichen Schoten seines fünfzehn Jahre älteren Bruders. Viele Erinnerungen stiegen auf und da hätte noch vieles in diese Rede gepasst. So auch die Vision von Fred, dass er eines Tages als Clochard unter den Brücken von Ulm aufgegriffen würde und in der Polizeiwache wird dann festgestellt, dass er ein Millionär sei. Dieses Understatement lebte er immer, sammelte Immobilien und viel Geld an, fuhr aber immer alte Autos und lebte leger. Er verstand es zu sparen und sein Besitz zu mehren, war lebenslustig mit einem ganz eigenen Humor, der aber auch an verletzender Schärfe nicht vermissen lies. Sein geniales Gedächtnis speicherte alle Geschichtsdaten, aber auch negative Erlebnisse, die er den Mitmenschen nach vielen Jahren gerne mal wieder auf die Nase drückte. Etwas was den Bruder und anderen Betroffenen immer wieder mal störte und man bei Big Fred diesbezüglich immer vorsichtig auf der Hut sein musste. So war dessen Gedankenspeicher ein geniales Kapital und Fluch in einem. Er speicherte alles, sammelte viel und konnte es nicht mehr loslassen. Vielleicht war seine Darmerkrankung ein Ausdruck davon, da er allein vieles nicht mehr ausscheiden konnte.

Alle diese Gedanken löste die Grabrede beim Bruder aus. Dieser verbrachte die darauffolgende Nacht direkt an der Lechstaustufe unweit des Hauses der Mutter, welches Fred und dessen Frau übernommen hatten. Hier am klaren Wasser, in dem auch Big Fred gerne schwamm und wo beide Brüder früher viele gemeinsame Abenteuer erlebten, durchflutete den Bruder ein ganzes Leben voller gemeinsamer Erinnerungen. Hier war er mit ihm verbunden , so wie sie früher vieles teilten. Big Fred und sein “kleiner Bruder”, der ihn in der Körperlänge mächtig überragte. Aber das gehörte zum Humor des Älteren und beide konnten damit lachend leben.

Hier am Fluss waren sie wieder vereint im Geiste, spürten sich und das Wasser schien allen Groll und Ärger des Lebens abzuwaschen, der über Beiden die letzten Jahre lag.

Die Grabrede war der Anstoss und vielleicht war die Ausgrenzung der Anstoss zum wahren Frieden der Brüder, jenseits von familiären Mimositäten und der Unfähigkeit zu Lebzeiten zu vergeben.

 

Nachtrag:

Als sich der Bruder gerade von dem friedlichen Platz am Lech verabschieden wollte, bewegte sich etwas im Wasser, kreisend an der Oberfläche. Zunächst dachte er an einen Fischschwarm, erkannte dann aber eine kleine Windhose, die über fast hundert Meter leicht über das Wasser tanzte und einen kreisförmigen Bogen erzeugte, der im Sonnenlicht himmlisch glitzerte.

Der Bruder spürte Big Fred neben sich und sie sprachen miteinander. Dann kam die Mutter dazu, Onkel Heinrich, Tante Leni, Tante Käthe, .... . Die ganze Sippe kam und sie nahmen Fred liebevoll in ihre Mitte, waren nachsichtig und gaben ihm Schutz auf dem Weg in die andere Welt. Der Bruder sah sie da stehen als Kreis, der immer mehr wuchs und noch viele altbekannte Gesichter kamen hinzu.

Mit einem leichten Winken verabschiedete sich der Bruder und fast gleichzeitig flog ein Düsenjäger und ein Hubschrauber über den Lech, so als würden sie damit in höhere Sphären getragen.

Frieden war nun im Herzen des Bruders und die Liebe der Gemeinschaft, die in zu früheren Zeiten mittrug und zu der er in absehbaren Jahren sich auch wieder gesellen würde. Dabei durchdrang ihn der Gedanke: “Wir sind alle Eins, ein Stamm einer weit verzweigten Sippe aus verschiedenen Linien, ins gemeinsame Leben gestellt um aneinander zu reifen.”

 

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