| Gleiches Recht für alle Komme gerade von einer Vorstellung des Showcircus FlicFlac von Pforzheim und sehe kurz vor
Mitternacht in der Ferne schon fast das Stuttgarter Kreuz. Jäh muss ich abbremsen, Warnblinkleuchten zeigen einen Stau an. Zwanzig Autos vor mir, vor einem grossen Sattelzug hat sich etwas ereignet. Viele Sirenen heulen auf, Rettungswagen, mehrere Feuerwehren, Abschleppfahrzeug, Polizei, Sachverständiger, alle bahnen sich in der Mitte zwischen wartenden Autos einen Weg zur Unfallstelle. Plötzlich auch zwei Dienstwagen der Baden-Württembergischen Landesregierung mit Blaulicht. Doch auch diese
müssen vor der Unfallstelle stoppen und sich an den Strassenrand stellen. In einem dieser Dienstwagen sehe ich Ministerpräsident Günter Oettinger sitzen. Ein schmächtiger Mann, müde und blass nach einem wohl anstrengenden Tag. Auch er muss darin warten, bis der Unfallverlauf geklärt ist. Ein PKW ist aus unerklärlichen Gründen gegen die Leitplanke in der Mitte der Autobahn geknallt und hat sich dann mehrfach überschlagen, liegt nun am Strassenrand auf der Seite. Ein Wrack für den
Autofriedhof oder für den Ersatzteilmarkt in Polen. Den Fahrer hat es anscheinend rausgeschleudert, denn er fehlt und wird nun von Feuerwehrmännern mit Taschenlampen grossräumig gesucht. Über die angrenzenden Felder, bis hin zu in der Ferne sichtbaren Häusern wird ausgeleuchtet. In der herbstlich kalten Nacht, kann ein unter Schock stehender Mensch noch weit laufen, bevor dieser zusammenbricht. Ein Grossaufgebot an Helfern sichert die Unfallstelle. Vor einem rotweissen Begrenzungsband stehen viele Autofahrer diskutierend auf der Autobahn, ebenso die Fahrer der Dienstwagen der Parlamentarier. Günter Oettinger nutzt die späte Stunde mit Arbeit, macht sich Notizen und blickt auf Fernsehmonitore in dem mit allen Vorzügen ausgestatteten Mercedes. Andere Autofahrer nicken in ihren Sitzen ein. Keiner weiss wie lange dieser Stau noch
andauern wird. Ein Polizist spricht von ein bis zwei Stunden. Eineinhalb Stunden später beginnt ein Feuerwehrfahrzeug zu rangieren und der Fahrer des Ministerpräsidenten steigt in sein Fahrzeug. Ich frage eine Polizistin: “Ist das nun nur für Oettinger oder alle?” “Gleiches Recht für alle!”
klingt es freundlich aus ihrem Mund und über Lautsprecher ordnet sie die Reihenfolge der Weiterfahrt an. Nur wenige Minuten später passiere auch ich die Unfallstelle. Der Ministerpräsident hat höchstens fünf Minuten Vorsprung. Tröstlich, dass Gross und Klein mit gleichem Recht behandelt wurden, wenigstens hier war die Parität gewahrt. |