6. November 2003

Gutnachtgeschichte

1977 im Theaterbus nach Schwäbisch Hall. Darin acht Schauspieler, Inspektor, Souffleuse, Maskenbildner, Requisiteuse, andere Helfer, dazu der Intendant und Regisseur Alf Reigl, der die beiden Einakter von Sean O’ Casey inszeniert hatte. Ein Abstecher weit weg von Tübingen, wo das Landestheater Württemberg-Hohenzollern, kurz LTT genannt, seine Basis hatte. Der Bühnenwagen mit den Technikern war schon Stunden voraus. Ich war eigentlich der Werbeleiter und in dieser Produktion nur ein Statist, spielte eine kleine Rolle, um dafür einen jährlichen Steuervorteil zu erhalten. Der Intendant fuhr mit, da seine Frau Eva-Maria in beiden Einaktern auch mitspielte und zudem den Organisatoren in Schwäbisch Hall die Hände schütteln musste. Kundenpflege mit Smalltalk!

Unterwegs wurde gerne gesungen, was dem Busfahrer gar nicht gefiehl. Aber da der Intendant dabei war, musste er es ertragen. Bei anderen Fahrten hatte er manchmal die Weiterfahrt verweigert, bis alle wieder still waren. Das war seine Macht, die des früheren Polizeibeamtens, der nun machtloser ein Häufchen kreative chaotischer Künstler zu schikanieren wusste. Diesmal genossen alle die Freiheit und die schönsten Theaterlieder gaben alle zum Besten. Richtig bedauerten wir, dass Falko mit seiner Drehleier nicht dabei war. Der grimmige Blick des Busfahrers war im Spiegel deutlich zu sehen. Die Fahrt ging dahin und verflog fast wie im Schlaf. Knapp zwei Stunden vor der Aufführung waren wir vor Ort, besichtigten die Garderoben und die Bühne. Immer ein wichtiges Einfühlen in den neuen Raum, denn jede Bühne war anders, mal grösser mal kleiner, manchmal vorne abgerundet oder eckig, je nach Phantasie theaterunerfahrener Architekten. Überall unterschiedliche Züge, Vorhänge und auch die Höhe differierte, so dass nicht immer das ganze Bühnenbild passte. Auch die Beleuchtung musste überall neu eingerichtet werden. Daher war dieses Erfassen des Spielortes immer ein besonderer Moment.

Nun noch ein kurzer Bummel durch die Stadt, ein kleiner Imbiss und dann eine Stunde vor der Aufführung wieder in der Garderobe. Präsenzpflicht, die mit Verwarnung oder Geldbusse durchgesetzt wurde. Die Schauspieler kleideten sich um, schlüpften in die Kostüme, setzen sich in den Stuhl des Maskenbildners, der dabei immer fröhliche Witze erzählte. Ich hatte noch genug Zeit, denn mein Auftritt war am Ende des ersten Stückes “Gutnachtgeschichte”. So plauderte ich mit dem Intendanten und wir besprachen die nächsten Projekte. Die Aufführung lief bereits und wir merkten nicht mehr, wie die Zeit verging. Dazwischen die Lautsprecherdurchsagen des Inspizienten, man konnte sich auf Klaus verlassen. Plötzlich die Durchsage “Burger bereitmachen, in zwei Minuten auf die Bühne”. Ich war noch nicht im Kostüm, keine Maske nichts. Ich spielte den englischen Bobby, der zum Schluss mit Arzt und Krankenschwester auftaucht. Die Schwester kugelrund, der Arzt schmächtig hager und ich mit meinen zwei Metern als Bobby mit zusätzlich hohem Helm. Schnell warf ich mir den Uniformmantel über und setzte den Helm auf. Für die Hose und Schuhe reichte nicht mehr die Zeit und der Intendant schob mich auf die Bühne hinaus. Strümpfig mit Jeans unter dem langen Mantel sorgte ich für die Abschlusspointe. Das Publikum merkte nichts, lachte wie üblich und applaudierte. Der Vorhang fiel und die Kollegen grinsten über meinen seltsamen Auftritt. Nun gab es was zu reden, der Inspizient, der selber den Arzt spielte, zeigte mir warnend den Finger. Aber da mich der Intendant abgelenkt hatte, kam ich ohne Verwarnung davon. Dann lief das zweite Stück “Das Ende vom Anfang” und im Anschluss die Heimfahrt durch finstere Nacht. Hier hatten alle ihren Spass an meiner Panne und gaben ihre Geschichten zum Besten. Denn das Theater lebt von diesen kleinen Pannen, die das Publikum nur selten mitbekommt. Jeden Abend entwickelt sich auf der Bühne ein Eigenleben, das mit der Inszenierung nichts mehr zu tun hat. Da kommt Improvisation in die Rollen und mit Gestik und Mimik werden die Kollegen gefordert und reagieren auf diese Spielchen. Ein Teller wird anders vor den Gast gesetzt, eine Orangenschale fliegt über den Bühnenrand ins Publikum, ein Akteur bewegt sich einen Meter neben seiner normalen Spur und schon droht alles auseinander zu geraten. Hier zeigt sich dann die Professionalität des Schauspielers, wie er damit umgeht, ohne aus der Rolle, aus dem Text zu rutschen. Ein Spiel im Spiel, das die Besucher nicht erkennen dürfen, nur für die Akteure erkennbar, die damit in ihrer Lebendigkeit angespornt sind, immer wieder ihr Bestes zu geben.

Auf dieser Heimfahrt wurden alle alten Kamellen aufgewärmt, bis die Müdigkeit uns überfiel und jeder in die Sitze sich kauerte, die Füsse hoch legte und schlief, so gut es die Kurven der Strasse zuliess. Weit nach Mitternacht strebten müde Akteure ihren Betten entgegen und wer diese mit Partnern teilte, hatte noch eine Gutnachtgeschichte zu erzählen, vom strümpfigen Bobby auf den Brettern von Schwäbisch Hall.

Peter Burger

 

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