1999

KEINE ANGST VOR LUZIFER

Beim Kasperletheater spielte ich einst gerne den Teufel. Eine dankbare Rolle, in der ich meine ganze Stimmfülle auskosten konnte und mich in keiner Weise zurück nehmen brauchte. Ich mußte nicht edel wie der Kasper sein, nicht lieb wie die Großmutter, keiner braver Bub, kein ordentlicher Polizist, sondern sein wie ich mich gerade fühlte. So ähnlich erging es der Hexe, gespielt von der Pressereferentin des Betriebes in dem ich einst meine Lehre absolvierte. Später im Circus erlebte ich gerne das Diabolo, wenn es perfekt durch die Luft gewirbelt wurde oder auf dem dünnen Seil tanzte. Immer wieder begegnete mir diese Symbolik und ”wenn mich der Teufel ritt” ging es mir meistens gut, da ich Teile von mir ausleben konnte, die in meiner Kinder- und Schulzeit mit warnendem Zeigefinger gebremst oder bestraft wurden. Viel später lernte ich die Symbolik der Tarotkarte ”Der Teufel” kennen, die besetzt ist mit Ängsten und Verhaftung. In der Beschäftigung mystischen Wissens und der Betrachtung der Auswirkungen in der heutigen Zeit, fand ich meine persönliche Wahrheit, in der Licht und Schatten zu einer Einheit fanden, die ich insgesamt Gott nenne.

Aus der lichtvollen Überhöhung von Religionen, deren Führer, den daraus entstandenen Moraltheorien und unserer heutigen Erziehung erschaffen wir zwangsläufig den ”negativen” Schatten und werten andere Menschen und deren Wertvorstellungen ab. Damit bildete sich hell und dunkel, gut und böse, Freude und Angst, positiv und negativ.

Plus und minus als wissenschaftliche Polaritäten gehören ebenfalls dazu. Die Mitte zwischen den Polaritäten ist der neutrale Punkt, in dem Frieden herrscht. Aus dieser Warte (Meditation) lassen sich alle Gegensätze wertneutral betrachten. Hier sitzt für mich Gott und betrachtet das Geschehen, sieht die Kettenreaktion der Billiardkugeln des Weltgeschehens, die nie zur Ruhe kommen und alles in Bewegung halten. Von hier aus sieht er das Treiben der Engel des Lichtes und die von Luzifer, die alle ihren Einfluß zu vergrößern suchen. Gott sieht lächelnd zu und hat Verständnis für beide seiner Seiten. Es ist ein Spiel vieler Figuren, vieler Ideen, voller Unruhe und Verrücktheiten. Es ist die heilsame Hölle, die Teil seiner eigenen Erfüllung ist. Hier findet die Weiterentwicklung seiner Zellen statt, die Reinigung seines eigenen Kreislaufs, die Klärung seiner Gedanken. Alle tragen an der Erweiterung des Ganzen bei, sind Teil des Ganzen, Teil des göttlichen Organismus. Die Natur steht für die Fortpflanzung unter den Wesen, einige sind entsprungen aus Gottes Leber, der Milz, andere der Galle oder des Magens. Aus dem göttlichen Herzen sind liebende Wesen auf dieser höllischen Erde, andere vertreten die Lunge und klare Geister das Gehirn. Jeder hat in diesem Gefüge seinen Sinn, jeder seine Aufgabe, jeder ist Teil einer Straße von ”Ameisen”, die am Besten die Symbolik des Lebens beschreiben. Einige Wesen sind Gott in der neutralen Ruhe ein wenig näher. Bäume, Pflanzen, Berge und auch einige Menschen. In der Mitte der Ruhe, jenseits von Licht und Schatten, ist er zu finden, den den alle beschreiben, umschreiben, in gedanklichen Besitz nehmen, vereinnahmen, gierig aufsaugen oder verleugnen. Die Sucht der Suche entführt von ihm, anstatt ihn in sich Selbst zu finden, ohne bildhafte Beschreibung, ohne polarisierende Zuordnung, ohne Bewertungen.

Den Schatten der sengenden Sonne vorziehend, die Sonne der eisigen Kälte, das tägliche Licht einatmen, in der Dunkelheit der Nacht ruhend. Einfach sein und genießen. So wie Gott in der neutralen Mitte sein und lächelnd dem Treiben der Welt zusehen. Nur wenig einzugreifen, nur da wo unbedingt nötig, da wo die persönliche innere Aufgabe sich ausdrücken will. Licht und Schatten zusammen führen, den lichtvollen Schutzengel und Luzifer partnerschaftlich zu vereinen. Beide anzunehmen, deren Qualitäten zu nutzen, dankend anzunehmen.

Niemanden wegen anderer Ansichten zu verdammen, keinem Angst zu machen, nicht zu beherrschen, sich nicht über andere zu erhöhen. Sondern einfach sein, liebevolle Achtung leben, nachsichtig Verständnis zeigen. Die Synthese von Luzifer und Schutzengel zu leben, damit die Mitmenschen und alle anderen Wesen sich selbst leben können, mit jedem Tag besser und besser.

 

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